22nd Mai 2014

Eintrag

Nachtwanderer

Schritt für Schritt
Dem Untergang geweiht
Papier und Stift
Still steht die Zeit
Doch nicht die Kraft
In dieser dunklen Nacht. 

Schritt für Schritt
Auf die Einsamkeit zu
Ein Band, ein Schnitt
Am andren Ende Du.
Meine Liebe, oh, wehe mir
Wenn ich dich heut Nacht verlier.

Schritt für Schritt
Wider Willen, nicht gezwungen
Schritt für Schritt
Weitren Tod errungen
Ein kleines bisschen Macht
In dieser dunklen Nacht.

22nd Mai 2014

Eintrag

Der Dichter und sein Henker

Zwei Männer stehen auf der Straße, sie geben ein komisch anmutendes Paar ab. Einer von ihnen ist groß, breitschultrig und hat ein rohes, ungeschlachtetes Gesicht. Der andere ist schmächtig, steht gebeugt da, er scheint sich noch kleiner zu machen, als er tatsächlich ist. Vorsicht prägt seine Bewegungen, langsam und bedächtig sind sie, wie die eines gebrechlichen alten Mannes. Doch trotz oder gerade wegen ihrer äußerlichen Differenzen scheinen die beiden sehr vertraut miteinander zu sein, alte Freunde vielleicht. Ich wünschte, ich könnte hören, was sie sagen. Reden sie überhaupt? Eindeutig vermag ich es nicht zu erkennen, möglicherweise sehen sie sich auch bloß an. Taxierend, vielleicht berechend. Oder erleichtert? 
Plötzlich gerät Bewegung in den Schmächtigen. Er packt den anderen am Arm, so blitzschnell, wie seine Hand hervorstößt, so sanft und vorsichtig ist die Berührung. Als würde er ihn nicht verärgern wollen. Er fürchtet ihn, doch scheint ihm der andere auch wichtig zu sein. Sind sie sich vielleicht gegenseitig wichtig? Oder vielmehr nützlich? Ich fühle mich wie ein Eindringling, dabei beobachte ich sie doch nur von Weitem. Irgendwas an den beiden lässt so etwas wie Ehrfurcht in mir aufkeimen, ein Gefühl dafür, wie klein ich eigentlich bin. Das Gefühl, dass ich hier nicht sein sollte, dass meine bloße Anwesenheit die vollkommene Stille, die Spannung in der Luft stört. Ich schließe die Augen, der Versuch, so wenig anwesend zu sein, wie nur möglich. Es liegt etwas Heiliges in der Luft, ein Funke Geist, eine Funke Ewigkeit. Unsterblichkeit, Wiedergeburt, alles scheint nicht mehr unmöglich, vielmehr möglich. Ich fühle mich angezogen von den beiden Männern, als strahlten sie magnetische Kraft aus, ein leichtes Zupfen hier, ein leichtes Stoßen da, doch ich bleibe wie angewurzelt stehen. Der Kleinere sinkt auf die Knie, blickt seinem Gegenüber in die Augen. Er scheint ihn anzuflehen, doch noch immer scheint niemand ein Wort zu sprechen. Alles wirkt unwirklich, es wirkt zu real. Intensiver. Dies ist ein heiliger, ein intimer Ort, ein unendlicher Augenblick. Ich erinnere mich nicht, wie ich herkam, kenne nicht den Ausgang, doch bin wie im Geisteshimmel, vernebelt und klar. Noch immer blicken beide Männer sich stumm an, der eine von unter herauf, der andere von oben herab. Bewegung kommt in den Stehenden, er schickt sich an zu gehen. Als der Bettelnde sein Bein umklammert, spricht pure Panik aus jeder seiner Regungen, sie fließt in Wellen durch mein Innerstes, erschüttert mich. Alles bekommt einen Rotstich, mein Blickfeld verengt sich. Todesangst. Die Ohnmacht beginnt mich zu umarmen, doch der gellende Schrei, der mich nächstens bis ins Mark sticht, zerschneidet die Umarmung wie einen Faden. “Töte mich!” Überrascht dreht sich der im Gehen Begriffene um. Nachdenklich blickt er auf mich hinunter. “Das wollte ich gerade tun.” Dann geht er.

4th Mai 2014

Eintrag

Wie ich es kommen sah

Ach, wie ich es kommen sah
Was unlängst mit mir geschah
Ach, wie ich zurückwünsch die Zeit. 

Ach, wo sind sie hingegangen
Stunden voll Leid und Freud
Ach, alle sind sie verschwunden heut. 

Ach, was bin ich müde
Meine Augen, sind sie trübe
Auch für euch? 

Ach, wie ich es kommen sah.

27th April 2014

Eintrag

Bei Nacht

Einsam und oh, so allein
Beinah verzehrt vom Wein
So geh ich nach Haus
Doch niemals heim.

Wandre gänzlich neu Wege
Bis zur Ruh ich mich lege
Wart auf Bruder Schlaf
Der g’schunden Seele pflege

Doch lässt er warten mich
Ehe er mich holt zu sich
Traumlos mich umfängt
Entbunden der großen Pflicht.

27th April 2014

Eintrag

Zigarette

Schweigend rollt er den Filter und den Tabak in das Blättchen ein, befeuchtet den Klebestreifen und rollt die Zigarette zu. Er hebt den Kopf, blickt nach vorne, dann nach links, dann nach rechts. Ruhig, bedacht. Er beobachtet die Menschen, wie sie hierhin und dorthin laufen. Er sieht die Autos, in seinem Geist muten sich wie ein einziges an, welches immerwährend hin und her fährt, und Abscheu und Hass beginnen sich erneut in ihm zu regen. Wie er sie hasste! Wie er alles hier hasste! Er versteht die Menschen nicht. Nicht mehr. Er hatte zu viel nachgedacht, zu viel verstanden und jetzt fühlte er sich ihnen so seltsam fremd. Je besser er jemanden kennenlernte, desto entfernter fühlte er sich von ihm. Das einzige, was ihm noch blieb, war der zwanghaft anmutende Drang nach Ablenkung, dem er sich immer wieder hingab, um nichts denken zu müssen. Tage voller kurzweiliger Unterhaltung, vielleicht sogar der unbewusste Wunsch, abstumpfen zu können, sich angleichen zu können. Die Zigarette in der Hand ist längst vergessen, nervös dreht er sie in seiner linken Hand, genau wie das Feuerzeug in seiner rechten. Er erträgt Menschen nicht mehr, nur noch einige wenige sind ertragbar, manchmal jedoch nur unter dem Einfluss von Cannabis oder Alkohol. In dunkleren Momenten tut es ihm Leid. In dunkleren Momenten bereut er es, bereut, wer er geworden ist. Doch dies ist kein dunkler Moment. Er steckt sich die Zigarette zwischen die Lippen, zündet sie an. Er zieht kräftig und atmet den Rauch langsam aus. Dies ist ein heller Moment. Die Welt erscheint ihm fast schon grell, blendend. Wie er sie hasste. Ein weiterer tiefer Zug an der Zigarette, der Blick hängt irgendwo in der Luft fest. Vor seinen Augen sieht er alles, seine Gedanken manifestieren sich vor ihm und verschwinden schnell, zu schnell. Ein weiterer Zug, der Blick klart auf, er sieht wieder. Wie er es hasste. Diese Momente, Minuten, in dener er gefangen ist in seinem Kopf, nahezu handlungsunfähig. Die Zigarette glimmt auf, er atmet Rauch aus. Er hasst das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Er fürchtet es. Er fürchtet so viel, fast so viel, wie er hasst. Er ist gefangen darin, welch Ironie. Er erkannte alles, er erkannte die Menschen, ihre Lügen, ihre Schwächen. Einige wenige Stärken fand er. Er verstand und er entkam, bloß um in sich selbst gefangen zu sein. Ein bitteres Lachen bricht aus ihm heraus, ein erneuter Zug an der Zigarette. Er erinnert sich an das Bier, welches seit einer ganzen Weile unbeachtet neben ihm steht. Er greift danach und trinkt einen großen Schluck. Eine Frau mit einem Kind geht an ihm vorbei, ihr Blick schreit förmlich das Unverständnis heraus. Sie denkt wohl, es sei zu früh. Er erwidert ihren Blick, der Ausdruck in seinen Augen gleicht dem der ihren. Sie geht schneller. Er wendet sich ab, trinkt sein Bier aus. Er steht auf, zieht ein letztes Mal an der Zigarette, lässt sie fallen, tritt sie aus und geht.

27th April 2014

Eintrag

Viel Zeit ist vergangen, seit ich das letzte Mal auf diese Art schrieb. Über mich, der stümperhafte Versuch, was ich fühle, blumig zu umschreiben, es nach mehr klingen zu lassen, als es ist, es kalligraphiert in meinen Kopf zu brennen, auf dass es Wahrheit werden möge. Doch der Erfolg blieb aus, immer und immer wieder scheiterte ich an der Dunkelheit, welche mich von innen zu übernehmen droht. Die Wahrheit, sie sticht spitz wie ein Dolch in meine Gedanken, sobald sie zu entfliehen versuchen, hält sie in der Wirklichkeit fest. Ich kann nicht vergessen, ich kann nicht entkommen, nichts außer der grausamen Realität, einer allesverzehrenden Dunkelheit bleibt mir. Ich erhalte nur noch mühselig die letzten Bastionen der Illusionen und der Geborgenheit in mir, doch es ist ein Kampf auf verlorenem Posten. Zu tief ist der Sumpf der Realität, zu weit entfernt bin ich vom Leben. Denn das Leben findet nicht in der Realität statt, existiert doch alles Schöne nicht in der Realität, es existiert nur in unserem Geist, eine Projektion der Hoffnung. Doch Projektionen sind selten fehlerfrei und ist der Fehler erst einmal erkannt, so verlieren sie jede Wirkung, wir beginnen zu sehen. Ich entkam, sah und verlor. Ich verlor die Nähe, die ich einst zu Menschen fühlte, verlor, was menschlich macht, alles habe ich an die Dunkelheit verloren. Nur noch oberflächlich machen sich die Gefühle bemerkbar, durch Handlungsimpulse, seltene Ausbrüche, einem Vulkan gleichend, unbeachtet verpuffend. Immer häufiger verschwinden sie, zusammen mit Erinnerungen, die nicht verloren sein dürfen, werden verschlungen von der Realität, die sich gnadenlos von jeglicher Fantasie, jeglichem Glauben ernährt. Während andere für ihre Überzeugungen aufstehen wollen, will ich mich für meine bloß noch hinlegen, erloschen ist die Flamme des Glaubens an eine bessere Welt, mit besseren Menschen, erstickt in der Sauerstoffärme meiner Gedankengänge. Und sie alle verstehen nicht, sie verstehen nicht wie Leid ich es bin, wie ich sie alle verabscheue. Ich verabscheue die Ketten, die meinem Geist auferlegt werden durch die Beeinflussung anderer, ich ertrage es nicht, weiterhin zuzusehen, wie der Mensch alles zugrunde richtet, was mir je Hoffnung hätte machen können, jeden Funken von Wahrheit im Keim erstickt. Denn stünde ich mit meiner Erkenntnis nicht alleine, begriffe der Mensch, was er angerichtet hatte, bestünde so etwas wie die Hoffnung auf Besserung. Doch Tag für Tag sehe ich diese leeren Köpfe, voll von orginalverpacktem Massengedankengut aus dem Secondhandladen. Ich kann die Menschen nicht ansehen, ohne das plötzliche Wellen von Ekel und Hass meinen Geist überfluten, alles mit sich reißen, nichts als eine graue Einöde hinterlassend. Wenn das die einzig wahren Gefühlen des Menschen sind, das Einzige, was das Menschsein zu geben hat, so will ich fürwahr kein Mensch sein. 

27th April 2014

Eintrag

"Also willkommen in meiner kleinen, wirren Welt…"

Meine eigene kleine Welt - frei von der erdrückenden Last meiner Gedanken öffnen sich mir die Tiefen meines Geistes. Ich fühle wieder richtig, vernebele den Kopf, damit ich wieder klar sehe. Es ist ein kurzer Urlaub aus dem Sklavenleben, ein Rückzugsort. Meine watteweiche, grüne Traumwelt taufte ich ihn. Er ist nicht groß, nicht luxuriös, doch genau so, wie ich ihn brauche. Alleine bin ich dort, Gedanken kleben an den Wänden, schwarz auf weiß, weiß auf schwarz - das Schlechte, versteckt im grellen Licht, das Gute, versteckt in der Dunkelheit der Gedanken, hier ist es klar zu sehen. Hier verstehe ich mich, hier kann ich sein, wer ich bin, wie ich will. Ich kann vergessen, dass auch ich nur ein Mensch bin. Was ich auch tue, letzten Endes bin ich, so deplaziert, so anders ich mich auch fühle, bloß ein Mensch. Es ist die bitterste Medizin, die ich je zu schlucken gezwungen war. Nichts in der Welt war je schwerer zu akzeptieren. Sonst bleibt mir nichts mehr, nichts außer blankem Hass, meine Gedanken sind durchtränkt von Zynismus, wie Gift fließt er durch sie, durch meine Adern. Zyniusmus ist das Symptom der Verzweiflung des klaren Geistes. Es ist, wenn auch ein süßes, das Ende des Lebens, es fesselt den Geist und hält ihn, wo er ist. Die endlosen Weiten meines verwirrten Geistes sind dunkel und zu oft verliere ich mich in ihnen. Ich beginne zu glauben, dass jedes Mal ein Stück von mir im Dunkel zurückbleibt. Schon Nietzsche sagte es, “blickst du zu lange in den Abgrund, blickt der Abgrund irgendwann in dich.” Doch das kann nicht zulassen, noch nicht. Noch ist noch ein bisschen Kraft da und Kraft bedeutet Veränderung. Noch habe ich die Möglichkeit, mich zu ändern, diese Welt zu ändern. Ich darf diesen letzten Rest Kraft nicht verlieren, also verewige ich ihn, male mit den Fingern ein Bild aus Gedanken. Immer öfter schaffe ich es auch außerhalb meines Verstecks. Dieses Versteck, es ist nicht meine Schwäche, es erlaubt mir, meine eigenen Gedanken zu verstehen, sie festhalten zu können. Es erlaubt mir, den Ärger, die Wut zu vergessen, die ich auf der anderen Seite fühle. Ich fühle mich betrogen, verspottet von dem, was mir dort geboten wird. Ich kann diese Illusionen, diese Lügen, all den Stumpfsinn nicht hinnehmen. In meinem Kopf bin ich davor geschützt, ich kann mich sortieren, die Kontrolle über mich stärken. “Diese Realität ist bloß ein beschissener Test”, ich war nie ein ehrlicher Schüler, es geht nie darum, für andere zu handeln, wozu der Selbstbetrug, wozu so tun als ob? Ich wähle die Unabhängigkeit, lieber bin ich der (a-)soziale Ausschuss, als dass ich mich diesen verdrehten Werten, all diesen verdammten Lügen beuge.
Ich verzehre mich nach Freiheit. Weder Reichtum noch Macht sind, was ich begehre, es ist die Freiheit und die Möglichkeit, zu beeinflussen. Ich will gehört werden, ich will diese Ordnung stürzen, in der nur eine Handvoll Menschen beachtet werden, nur ihnen geglaubt wird, ich will dazu beitragen, dass der Mensch sich selbst befreit.­­ Irgendwo in mir hat sich diese Hoffnung noch immer gehalten, der Glaube an die stetige Veränderung durch Kraft, der Glaube, dass auch der Niedergang der Menschen aufgehalten werden kann. Der Wunsch, dass ich, falls es nicht so ist, die Freiheit habe, mich hinreichend von dieser Spezies fernhalten zu können.

27th April 2014

Eintrag

Menschliche Lügen

Betrachtet man diese Welt, insbesondere den Menschen, so fällt auf, dass, grob gefasst, zwischen zwei Typen von Menschen unterschieden werden kann. So gibt es den angepassten Menschen. Diese Art Mensch ist schon immer in der Mehrzahl gewesen, denn sie hat sich jedem Umstand angepasst. Egal, welche Lasten ihnen auch aufgebürdet werden, sie werden sie alle tragen. Sie müssen geführt werden, denn sie haben nie gelernt, eigenständig zu denken, nie haben sie gelernt, eigenständig zu sein. Sie sind heute in jeder gesellschaftlichen Schicht, in jeder Menschengruppierung zu finden. Ihr einziges Lebensziel ist scheinbar die Produktivität.
Eine solche Lebensform benötigt natürlich etwas, das sie anführt. Hier offenbart sich eine verquere Art von Komik, denn sie führt sich selbst an. Dies mag zuerst paradox klingen, doch lässt es sich sehr einfach und logisch erklären: Während die breite Masse auf Produktivität gepolt ist, gibt es einen kleinen Kreis, der sein Leben auf Geld und Macht ausrichtet. Alles, was er anstrebt, dient dem Erlangen von Reichtum und Macht, das nichtigste und gleichzeitig auch niedrigste Streben, das ein Mensch verfolgen kann. Es ist bemerkbar, dass diese Menschen sich in ihrem Inneren als nicht ausgefüllt empfinden, da sie sich davon mit einer breit gefächerten Auswahl an Unterhaltungsmedien ablenken. Ein Mensch, der sich der vollen Tragweite seiner Natur bewusst ist, wird immer die Herausforderung und das Unbekannte suchen und derart simple Formen der Unterhaltung weitesgehend meiden. Der angepasste Mensch jedoch ist erfreut, gar euphorisch gestimmt, in Anbetracht der ständig wachsenden Masse der ihm heute gebotenen Unterhaltungsmedien. Die Anführer sorgen selbst für ständige Neuheiten, sind diese für sie uninteressant geworden, werden sie der breiten Masse zugänglich gemacht. Diese wiederrum ist dankbar für die neuerliche Ablenkung, weswegen sie nie auf die Idee kämen, sich eine Veränderung herbeizuwünschen - ein gut eingespieltes Team, so könnte man sagen.
Wo jemand angepasst ist, muss natürlich auch jemand nicht angepasst sein. So trifft es sich, dass sich unter den Menschen auch eine nicht zu verachtende Anzahl von Individuen findet, welche sich nicht an die gleichmütigen, geradezu weltfremden Werte anpassen wollen und können. Ich nenne sie die nonkonformen Menschen. Sie waren schon immer da, meist versteckt unter ihren Artgenossen. Von der erdrückenden Last der Masse und ihrer unvergleichlichen Arroganz und Selbstüberschätzung wurden sie an den Rand jedes sozialen Systems gedrängt. So war es schon immer. Wie andere vor mir ziehe ich an dieser Stelle den Vergleich zu den vergangen Hochkulturen der Menschen. Sie alle entstanden und fielen nach demselben Muster, denn für das Entstehen von Kultur sind nicht angepasste Menschen, solche, die ihre eigene Weltanschauung entwickeln, von essentieller Bedeutung. Ihre Ideen und sind es, die die Veränderung, den Aufstieg bringen. In dieser Phase sind sie alle voller Hoffnung auf eine neue, bessere Ordnung, doch jedes Mal werden sie aufs Neue enttäuscht. Sie werden geradezu ausgebeutet, denn einige ihrer Mitmenschen nehmen sich ihre Ideen und verunstalten sie, ruinieren sie und alles, wofür der nonkonforme Mensch steht, zerstören seine Existenzgrundlage. Ein gutes Beispiel geben hier die früheren Versuche, ein funktionierendes soziales System aufzubauen. Die Demokratie sollte jedem Menschen die Möglichkeit zur freien Selbstbestimmung, doch wurde sie genutzt, um einem kleinen Kreis diese Möglichkeit, zu Lasten der restlichen Menschheit, zu geben. So begann der Fall jeder Hochkultur, die wir Menschen kennen. Die alten Griechen, nach ihnen die Römer, alle begannen sie denselben Fehler, der den Zusammenbruch ihrer Kultur auslöste. Sie schenkten den nonkonformen Menschen kein Gehör, bildeten sich ein, es besser zu wissen. In eben dieser Phase befinden wir uns auch heute. Der nonkonforme Mensch wird ausgegrenzt, sein Lebensraum ist faktisch nicht mehr existent. Diese Ausgrenzung hat weitreichende Folgen für unsere Gesellschaft, denn viele erkranken in der Folge an sogenannten “mentalen Krankheiten”, welche als natürliche Reaktion auf die gegebenen Lebensumstände zu betrachten sind. Der Mensch ist und bleibt ein Tier und reagiert als solches teils drastisch auf die Zerstörung seines Lebensraums. Diese Krankheiten ziehen eine noch stärkere Ausgrenzung nach sich, in der Folge wird den nicht angepassten Menschen noch weniger Gehör geschenkt, die Warnungen, die sie schreien, scheinen unhörbar. Dies erklärt auch, warum in der heutigen Welt scheinbar keine großen Geister wie Nietzsche, Kant, Schopenhauer, Goethe und dergleichen existieren, klammert man doch an eben diesen längst verstorbenen fest. Die Freigeister und Denker dieser Zeit kommen nur schwer zu Wort, denn es zählt, was die Masse sehen, lesen und hören will.
Durch dieses Festhalten an Toten gerät die Veränderung jedoch zwangsläufig ins Stocken, bis sie schließlich endgültig stehen bleibt. Was nun folgt, ist der langsame Niedergang.
Der nonkonforme Mensch ist unterdessen gezwungen, hilf- und tatenlos zuzusehen, weswegen er beginnt, sich ebenfalls in kurzweilige Unterhaltung zu flüchten. Diese Flucht kann und darf nicht als Schwäche ausgelegt werden, sie ist ein Ausdruck des starken Überlebenswillens, der in jedem Menschen steckt. Dieser basiert häufig nicht nur auf Egoismus, sondern auch auf dem verzweifelten Wunsch nach Veränderung. Der unangepasste Mensch wird entzwei gerissen, verzerrt, zwischen der ihm unerträglichen Realität und dem Wunsch, diese zu verändern, wozu er sich ihr auf Gedeih und Verderb ausliefern muss. Häufig entwickelt er hierbei eine misanthropische Weltanschauung, welche eine erhebliche Diskrepanz zur stark philanthropisch geprägten Hoffnung auf eine Besserung des Menschen, welche bei vielen zu beobachten ist, darstellt.
Bisher erhob sich aus der Asche der alten stets eine neue Hochkultur, doch heute stehen wir vor einer scheinbar unvermeidlichen Katastrophe: In Folge der heutigen globalen Vernetzung ist auch eine globale Hochkultur entstanden, welche im Begriff zu fallen ist. Während die früheren Hochkulturen immer auf ein mehr oder weniger kleines Gebiet begrenzt waren, welches vom Fall betroffen war, ist es heute die ganze Welt. Ein endgültiger Sturz der bestehenden Ordnung zöge demnach eine globale Krise nach sich, wie wir sie noch nie erlebt haben, deren Ausgang wir nie vorhersagen können. Die einzige Rettung kann der nonkonforme Mensch mit seiner Kraft zur Veränderung sein, er könnte die Menschheit aus ihrer dunkelsten Stunde führen, indem er sie aufweckt. Die Menschen haben vergessen, was Freiheit bedeutet, das bedeutet jedoch nicht, dass sie sie nicht erlangen können.

Illusionen der Existenz

Menschen sind Lügner, allesamt. Sie belügen sich selbst, sie belügen andere. Klammern sich an Illusionen, da sie denken, dass diese ihre armselige Existenz erträglich machen. Illusionen von Liebe und Freundschaft, von Hass und Feinden. Illusionen von einem Sinn, der nie gefunden wird, Illusionen von einem gütigen Vater, der über sie wacht. Illusionen von Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Illusionen von Glück und Schicksal, vom Leben. Sie alle kennen die Wahrheit, aber sie versteckten sie tief in ihnen drin. Sie wollen nicht sehen. Wollen nicht erkennen, wie sinnlos ihre Existenz ist, wie willkürlich sie entstanden ist, sie enden kann. Sie brauchen das Gefühl, Bedeutung zu haben, in irgendeiner Form wichtig zu sein und kämpfen ihr Leben lang darum. Suchen Begründungen für ihr Tun, finden sie in so genannten Idealen oder werden ausgestoßen. Jeder, der es durchschaut, ist eine potenzielle Gefahr, auch wenn die Menschen vergessen haben, weshalb. Ihr systematisches Lügen und Vergessen nennen sie System, dieses schreibt ihnen vor, wie sie zu leben haben, um sich nie zu erinnern. Wer sich erinnert, den schließt das System aus, denn er gefährdet es. Er gefährdet die Illusion des Sinns, die Illusion einer Existenz, die die Menschen sich geschaffen haben.
Kann der Mensch existieren? Kann er tatsächlich existieren, frei von jeder Illusion, die er sich geschaffen hat? Ich zweifle. Wenn er es kann, dann nicht lange. Er wird zum Menschenfeind und als solcher bestraft werden, von jenen, die sich an den größten Feind des Menschen verloren haben, der Sucht. Die Menschen müssen sich vom Denken abhalten, andernfalls würden sie erinnern. Also erschufen sie eine ganze Welt aus Plastik und Papier, die ihre Gedanken für sie kontrolliert. Sie erfanden Werte, die ihnen ein Ziel geben, sie lieben sie. Manche Menschen gehen ein Stück weiter, sie hassen sie. Manche lernen dadurch, sich zu erinnern, andere hassen für immer und bleiben so weiter gefangen in ihrer Illusion. Sie denken dabei, sie hätten alles verstanden, alles durchschaut, dabei kratzten sie nur ein wenig Gold ab, legten nur ein kleines Stück der verdreckten, schmutzigen Wahrheit frei. Sie leben ihr Leben unglücklich, gefangen in dem Gedanken, gefangen zu sein im System. Sie erkennen die Fehler, aber nicht die Ursache, welcher tiefer liegt als jede Illusion einer sozialen Gemeinschaft. Das, was wir heute als soziale Gemeinschaft ansehen, ist eine Lüge. Gefühle sind eine Ausrede um unsere Interessen durchzusetzen, das war schon immer so. Wir reden uns ein, wir bräuchten all diese anderen Menschen, die uns Tag für Tag umgeben, während es in Wahrheit bloß eine Handvoll ist.
Die Illusion der Existenz ist das größte, was der Mensch je geschaffen hat, aber auch das zerstörerischste. Sie schützt sich selbst vor dem Erkennen, sie ist mit der Zeit gewachsen und lebendig geworden, hat die Macht über die Menschheit übernommen. Sie ist in ihre Köpfe eingedrungen und steuert ihr Handeln. Der einzige Ausweg, den der einzelne Mensch hat, ist der Tod. Er ist das einzig Wahre in der Illusion, er gibt ihr Glaubhaftigkeit. Der Tod ist unsere Rettung und unser Ende, unser Verderben.

So ist der Mensch also scheinbar unwiderruflich gefangen. Wie also kann er sich befreien? Kann er es alleine oder kann sich nur die Gruppe befreien? Wäre dies nicht viel eher eine weiteres soziales System, eine weitere Illusion? Sind Menschen in der Lage, eigenständig zu denken, eigenständig zu leben?
Ich glaube, dass diese Möglichkeit besteht, doch nur für einige Wenige, sie sind es, die die Bezeichnung “Mensch” verdienen. Sie sind es, die ihre Artgenossen verstoßen, aus Furcht vor der Wahrheit. Sie sind evolutioniert. Die Lüge hindert den Menschen daran, sich weiterzuentwickeln, sie hält den Lauf der Natur auf. Die meisten Menschen sind nicht dazu in der Lage, alleine zu überleben. Sie brauchen die Masse, sie müssen ein Teil von etwas sein. Sie leben die Lüge, die ihnen so oft erzählt wird, glauben, dass die Stärke des Menschen in der Gemeinschaft liegt. Sie irren. Die Stärke des Menschen liegt in seinem Verstand. Der Verstand des Menschen ist es, was ihn ausmacht, ist seine größte Stärke, seine zerstörerischste Waffe. Doch sie lassen ihn verkümmern, lassen zu, dass fremde Gedanken, dass eine Lüge ihn untergräbt, vertrauen ihm nicht. Sie vertrauen Menschen, das ist ihr Fehler. Der Mensch ist über das Stadium des nötigen Rudellebens hinaus, doch er klammert sich daran fest. (Ich verstehe es nicht. Warum lassen sich die Menschen lähmen von einer Lüge, die sie selbst geschaffen haben? Sie alle müssten sie doch durchschauen, sie müssten merken, dass etwas nicht stimmt. Doch sie tun es nicht, sie schlafwandeln - ein Leben lang. Woher kommt dieses blinde Vertrauen, diese lähmende Angst vor der Selbstständigkeit? Ist es Teil der Illusion, oder ist es reine Schwäche? Ist es die Achillesferse des Menschen, ist dies die Schwäche, die die Lüge ausnutzte, um den Mensch zu unterwerfen? Ist es die Ursache des Problems, so wie seine Lösung? Ist sie real? Ich glaube nicht, dass ich es je herausfinden werde, die Menschheit wird sich nicht ändern. Es sind viel zu viele, die schlafwandeln, es verbreitet sich wie ein Virus. Es ist der wohl tödlichste Virus, den der Mensch je gesehen hat.) Genau wie der Mensch an allem Alten festklammert. Das ist der Nährboden für jede Lüge, jede Täuschung, die es gibt. Wir vertraue anderen nur aufgrund dieser verfehlten Weltsicht. Zusammen mit der Fähigkeit des Menschen, seine eigenen Lügen zu glauben, ist es eine Fatalität. Es gibt noch etwas, was den Menschen in Ketten legt, etwas an dem er festhält, das längst überholt ist: Die Moral. Der Wunsch, den allgemeinen Moralvorstellungen entsprechend zu handeln.
Zuerst stellt sich natürlich erst einmal die Frage, was genau Moral überhaupt ist. Bedeutet moralisch handeln bloß “richtig” zu handeln? Gibt es überhaupt eine falsche Handlung? Wenn ja, woran lässt sich dies festmachen? Bereits an dieser Stelle sollte klar sein, dass Moral schwer zu definieren ist, da heutzutage nahezu jeder ein anderes Verständnis von Moral hat. Die philosophische Disziplin der Ethik hat sich seit jeher damit beschäftigt, immer wieder eine neue Antwort auf die Frage, was Moral ist, zu finden, denn unsere Moralvorstellungen befinden sich im ständigen Wandel, sie spiegeln letztendlich unsere Erwartungen wieder. Was ist uns wichtig? Was empfinden wir als “richtig” und “gut”? Was dürfen wir, was müssen wir?

Die Antwort ist, im Hinblick auf die heutige Welt, nicht so eindeutig, wie sie mir scheint. Wir sind gefangen im irrsinnigen Glauben, zu wissen, was gut und böse ist, gefangen in dem irrsinnigen Glauben, wir wären füreinander verantwortlich, denn das ist viel bequemer als die Wahrheit: Wir lügen uns an. Menschen handeln von Natur aus aus Eigennutz. Wir tun niemandem etwas Gutes um seiner Selbst willen, wir tun es für uns, gerade weil wir uns Moral ausgedacht haben, gerade weil wir glauben, wir müssten zusammenhalten, gut zueinander sein. Dieser Zusammenhang zwischen Eigennutz und Moral mag anfangs widersprüchlich wirken, die Lösung ist aber ganz einfach: Wir können nicht mit unser eigenen Natur leben, weil wir längst wissen, dass wir nicht das sind, was wir denken, was wir sind, weil wir wissen, dass wir nicht gut sind. Also erschufen wir die Moral, sie gab uns die Möglichkeit, eigennützig zu handeln, ohne eigennützig zu handeln. Wenn wir jemandem eine Freude bereiten, tun wir das, weil es ihn freut, oder weil es uns freut, dass es ihn freut?
Selbst wenn wir unter Einsatz unseres eigenen Lebens ein anderes retten, dann tun wir dies nur, weil wir dank den uns beigebrachten Moralvorstellungen überzeugt sind, gut zu sein. Dass ein Leben endet, dass das der Lauf der Natur ist, daran denken wir nicht. Wir denken in diesem Moment an uns, während wir uns krampfhaft weiszumachen versuchen, wir täten es nicht. Wir verraten unsere eigene Natur, indem wir versuchen, einem Bild zu entsprechen, welches realitätsferner nicht sein könnte. Unsere Moral ist dementsprechend eher eine Doppelmoral. Auch halten wir beharrlich an dem Irrglauben fest, wir wären ein einziges, riesiges Rudel, was man bestenfalls als Wunschtraum bezeichnen kann. Menschen benötigen kein großes “Rudel” mehr, sofern sie es denn jemals taten. Wir benötigen höchstens einige wenige Menschen, ich nenne es gern “Zweckgemeinschaften”, welche sich unter Begriffen wie Freundschaft und Moral verstecken. Was wir von anderen Menschen benötigen, ist keine Zuneigung, sondern Validierung, Zustimmung. Wir wollen, dass andere Menschen uns unser Selbstbild bestätigen, das treibt uns zusammen.

26th April 2014

Eintrag

CHOOSE WHO YOU ARE

Ich bin der Glückliche. Ich bin der Traurige. Ich bin der Kiffer, ich bin der Säufer. Ich bin das Arschloch. Ich bin der Hilfsbereite. Ich bin der Offene. Ich bin der, der keinem vertraut. Ich bin der Lustige. Ich bin der ohne Humor. Ich bin der Größenwahnsinnige. Ich bin der Bescheidene. Ich bin der Angeber. Ich bin der Rücksichtslose, bin der, der nach links und rechts schaut. Ich bin der Verantwortungsbewusste, der Erwachsene. Ich bin das Kind, das wegläuft, bin der, der lachend in den Scherben steht. Ich bin der Grausame, der, der andere gern leiden sieht. Ich bin der, der immer mitleidet. Ich bin Planlose. Ich bin der, der sein Ziel im Blick hat. Ich bin hier, bin nicht hier.

Getaggt: werbistdubinichgedankentextpersönlichkeitidentität

26th April 2014

Foto gerebloggt von abandon all hope, ye who enter here

Quelle: explosively